Zur Aktualität des Reformatorischen Erbes
"Wir brauchen einen islamischen Luther." Dieser Satz begegnete mir erstmals vor etwa acht Jahren aus dem Munde eines schiitischen Professors für Islamische Religionsgeschichte an der Universität von Teheran. Er begegnete mir erneut kürzlich in einem Zeitschriftenartikel, in dem ägyptische Intellektuelle zu Wort kamen. Angesichts des kommenden Reformationsfestes möchte ich darum der Frage nachgehen: Was will dieser Satz aus dem Munde eines Muslim besagen? Und was hat er etwa mit uns Protestanten im abendländischen Europa zu tun?
Zunächst eine Bemerkung zur Sprache. Wer so spricht, bezeugt als Orientale und Muslim einige Vertrautheit mit den geistesgeschichtlichen Entwicklungen des abendländischen Europa. Es gibt sie also offenbar, die "bridge people", die Menschen, die Brücken sein wollen und sein können zwischen unterschiedlichen Kulturen, die in Kontakt sind mit dem Selbstverständnis des modernen Europa, das in der Linie Renaissance - Reformation - Aufklärung jene Etappen sieht und festhält, in denen sich seine eigenen geistigen und weltanschaulichen Grundlagen herausgebildet haben, auf denen das heutige gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und Kulturelle Leben aufruht. Dies allein schon, dass gebildete Muslime sich in der Sprache des Abendlandes auszudrücken suchen, verdient hervorgehoben zu werden in einer Zeit, wo zwischen Abendland und Morgenland bzw zwischen christlicher und muslimischer Welt eher die Gegensätze betont werden.
Wer als Muslim so spricht, zeigt in der Sprache des Abendlandes einen Reformbedarf des Morgenlandes an. Es geht um das große Thema, das gegenwärtig die islamische Welt beherrscht: die Frage nach dem Verhältnis von Islam und Moderne. Wer von einem islamischen Luther spricht, bewegt sich offenkundig nicht in den Bahnen fundamentalistischer Rückwärtsgewandtheit, sondern bedenkt im islamischen Kontext die Notwendigkeit von Veränderungen, und indem diese Veränderungen mit dem Namen des historischen Reformators Luther in Verbindung gebracht werden, kommt zum Ausdruck, daß eine epochale Veränderung ins Auge gefasst wird. Die eigene gesellschaftliche Lage wird offensichtlich so beurteilt, dass nur ein Umbruch und Neuansatz in den geistigen Grundlagen vom Format der abendländischen Reformation dem Morgenland den Weg in die Zukunft zu öffnen vermag.
Auf welche "Reformation" hoffen derart aufgeklärte Muslime? – Die Debatte darüber ist weit verzweigt, lebhaft und durchaus kontrovers, aber es lassen sich doch einige Züge benennen. An erster Stelle und mit breiter Übereinstimmung steht die Gewissheit, daß die Gefangenschaft des Denkens beendet werden muß. Sodann folgt, daß die Freiheit, Würde und Autonomie des Menschen gewahrt werden muß. Daraus wiederum ergibt sich, dass die gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen des politischen Gemeinwesens derart eingerichtet sein müssen, daß diesen Gütern Respekt verschafft werden kann, und ferner, dass Wissenschaft und Kultur sich frei entfalten können müssen.
Ist es berechtigt, derartige Hoffnungen auf den Eintritt in eine moderne, freiheitliche Welt mit dem Namen Martin Luther zu verbinden? – Martin Luther hat seine eigene Entwicklung als "Kampf", als "Durchbruch" und Befreiung empfunden. Die Verstrickung seiner Kirche in die politische Herrschaftsausübung hat er als "babylonische Gefangenschaft" bezeichnet, und indem er nach authentischer, persönlicher Frömmigkeit rang, wurde ihm immer klarer, in welch ungeheurem Ausmaß die Kirche seiner Zeit darauf aus war, die Seele der Menschen zu steuern, zu lenken, zu beherrschen. Sein entscheidendes Erleben war die Entdeckung, dass Gnade und Gunst Gottes nicht durch klerikale Heilsvermittlung oder durch dieses oder jenes menschliche Handeln erlangt, sondern nur als Geschenk von Gott selbst empfangen werden kann. Damit wurde dem System geistlicher Bevormundung der Boden entzogen und es wurde neu bewusst, dass der Einzelne in einem Unmittelbarkeitsverhältnis zu Gott steht. Nicht die Kirche, sondern das Individuum selbst ist für Fragen des Seelenheils verantwortlich. Durch Martin Luther kam der Mensch als Subjekt des Glaubens und damit sogleich die Freiheit des glaubenden Subjekts neu in den Blick. Indem Luther dafür sorgte, daß jeder selbst die Bibel in seiner Muttersprache zu lesen vermochte, beseitigte er das geistliche Deutungsmonopol des Klerus, durch ihn kam der Chris-tenmensch als freier Mensch neu zur Geltung; folgerichtig forderte Luther, dass die christliche Gemeinde die berufene Instanz sei, um sich Pfarrer zu wählen und über rechte und falsche Lehre zu entscheiden und nicht irgendwelche anderen überge-ordneten Instanzen. Luther löste auch die Auslegung der Schrift von traditioneller Buchstabengläubigkeit. "Der Heilige Geist ist der erste Ausleger der Schrift", konnte er sagen. Damit stellte er erstens die Autorität der Heiligen Schrift über alle kirchlichen und sonstigen Autoritäten; damit brach er zweitens dem Verständnis Bahn, daß die Auslegung der Schriften kein abgeschlossener, sondern ein immer neu zu vollziehender Prozess sei; und drittens führte er dahin, daß authentisches Glaubensleben sich nicht an der äußerlichen Befolgung von Riten und Werken erweise, sondern am der persönlicher Aneignung und Zustimmung der biblischen Botschaft.
Es ist diese radikale Befreiung von geistlicher religiöser Bevormundung, es ist dieser Kampf für Autonomie und Freiheit in geistlichen Angelegenheiten, den islamische Reformer meinen, wenn sie sich auf Luther beziehen. Und es gehört zu dieser Sicht, von hier aus die Linie zur Aufklärung und ihrem Verständnis von Freiheit, Autonomie und Menschenwürde zu ziehen. Aufklärung ist nach Kant's berühmter Definition "Aufbruch aus selbstverschuldeter Unmündigkeit", ist eigenes Denken; Autonomie in diesem Sinne ist freie Selbstbestimmung, die ihre Grenzen findet an der freien Selbstbestimmung des anderen; die Richtschnur ist der "Richterstuhl der Vernunft". Noch befinden sich diejenigen islamischen DenkerInnen und SchriftstellerInnen, die diese Ideen der Aufklärung als Grundwerte für das Leben in der islamischen Welt einfordern, in der Minderheit, noch leben sie oftmals im Exil in Europa oder in den USA; noch haben die Traditionalisten das Sagen, die ihre überkommenen Machtpositionen zu verteidigen suchen. Umso wichtiger ist es, im Abendland jenen aufgeklärten Stimmen aus dem Morgenland Aufmerksamkeit zu schenken. Und zwar aus einem doppelten Grund: Wenn es gelingt, die Lagermentalität, als stünden sich Islam und Christentum oder Abendland und Morgenland wie feindliche Blöcke gegenüber, zu vermeiden und sich auf ein gemeinsames Erbe zu beziehen, kann dies der inneren Entwicklung der islamischen Welt wie den Beziehung zur abendländischen Welt nur förderlich sein. Das bedeutet aber zugleich, und das ist der zweite Grund, daß wir im Abendland auch unsererseits dieses Erbe nicht vergessen, sondern aktuell und lebendig zu halten bestrebt sein sollten. Damit wird allerdings ein neuralgischer Punkt berührt, nämlich die Frage nach der Rolle der Religion. In aufgeklärten Kreisen des Westens hat sich die Einstellung breit gemacht, Religion sei überflüssig und bei der Gestaltung des öffentlichen Lebens entbehrlich geworden. In diesem Sinne be-grüßt man die Trennung von Staat und Kirche, von Religion und Politik. Dabei wird übersehen: die Trennung von Staat und Kirche war geradezu ein Anliegen Martin Luthers, aber nun eben nicht mit dem Ziel, die Religion aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, sondern um zu unterscheiden: Während es in der Kirche um die freie Ausübung des christlichen Glaubens ohne Bevormundung, Zwang und Gewalt geht, geht es im staatlichen Bereich – Luther spricht von Obrigkeit und Amt – um die Verantwortung für Recht und Ordnung nach Maßgabe des christlichen Gewissens. Kirche und Staat haben nach Luther unterschiedliche Aufgaben und sind unterschiedlich organisiert, die einen haben es mit „weltlichen“, die anderen mit "geistlichen" Aufgaben zu tun, aber eben: beide, die staatlich-weltlichen wie die kirchlich-geistlichen Bereiche wollen beide vor Gott verantwortet werden. Aufklärer wie Kant, Schiller oder Lessing haben darum im Gegensatz zu vielen, die sich heutzutage auf sie berufen, die Frage der Religion niemals für erledigt angesehen. Die Kritik der Religion zu üben ist eine Sache, eine andere aber ist es, ihre Rolle als inspirierende und orientierende Kraft nicht zu verleugnen. Wer als Muslim einen "islamischen Luther" fordert und einer islamischen Aufklärung das Wort redet, sollte im Abendland Partner finden, mit denen er oder sie auch konstruktiv über die Rolle der Religion sprechen kann. Die Vernunft der Aufklärung kann sich ja nur insoweit in Freiheit entfalten, wiel sie sich in der Freiheit des Glaubens geborgen weiß.
Die abendländische Welt hat Jahrhunderte gebraucht, um über Reformation und Aufklärung zur Demokratie als politischer Staatsform zu finden. Die Obrigkeitsnähe der protestantischen Kirchen über Jahrhunderte hat vergessen lassen, daß dem Reformator Luther eine Kirchenorganisation vor Augen stand, die von der Gemeinde und ihrer Selbstbestimmung und Selbstverwaltung her gedacht war. So gesehen war das Ende der Ehe von Thron und Altar, das in der Weimarer Republik mit der Gründung selbständiger Landeskirchen vollzogen wurde, die nach langer Verzögerung aufgenommene Grundidee Luthers. Damit zeigt sich aber, daß das, was in den re-formierten Gebieten etwa der Schweiz oder der Niederlande schon früher zu besich-tigen war, auch in Luthers reformatorischem Denken bereits angelegt war, nämlich: der Gedanke des religiös freien Individuums muß über kurz oder lang in der Kirche wie im Staat zur Abschaffung von Fremdbestimmung und zu Formen freier Selbstbestimmung führen und damit demokratischen Formen hervorbringen. Es ist für das Fortbestehen der verfassten Demokratien im Abendland wichtig, um diesen Zusammenhang zu wissen, wird damit doch der Nährboden bezeichnet, aus dem demokratisches Selbstbewusstsein seine Nahrung zieht. Und eben das ist für die islamischen Aufklärer lebenswichtig, um in ihren islamischen Traditionen auf einen Weg weisen zu können, der sich mit Aufklärung und Demokratie zu verständigen weiß. – vO
Literaturempfehlung zum Thema:
"Islam – Demokratie – Moderne. Aktuelle Antworten arabischer Denker", herausgegeben von Erdmute Heller und Hassouna Moshabi, Beck-Verlag, München, 2. Aufl. 2001, 267 S., EUR 19,50
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