Zur Geschichte des Friedhofs.

Unter den neun Friedhöfen des Stadtgebietes Bad Homburgs nimmt der evangelische Friedhof am Untertor eine besondere Stellung ein. Er ist mit seinen knapp 315 Jahren der älteste der Stadt und er war, obwohl von der lutherischen Gemeinde verwaltet, zeitweise auch für andere Konfessionen geöffnet. Außerdem sind hier die meisten Persönlichkeiten aus Homburgs Vergangenheit beigesetzt. Störend wird die Führung einer viel befahrenen Straße – der einstigen Dornholzhäuser Chaussee und heutigen Saalburgstraße – empfunden, die den Friedhof in zwei ungleich große Areale teilt. Dies ist die Folge der historischen Entwicklung sowohl im Landgrafenhaus (1622–1866) als in der Kirchengeschichte.

Heute betrachten wir die beiden Teile rechts und links der Saalburgstraße als Einheit, doch dieser Zustand bestand anfangs nicht. Die Unterscheidung evangelischer Christen in Lutheraner und Reformierte bezog sich nicht nur auf Gotteshäuser und den Ablauf des Gottesdienstes, sondern auch auf die Begräbnisstätten. Das bereits 1817 vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. eingeleitete Bestreben, beide Richtungen in einer Union zu vereinen, nahm Homburg nicht wahr, als die Stadt 1866 Teil des preußischen Staates wurde. Erst im Oktober des Jahres 1900 kam es hier zur Vereinigung, wodurch die Trennung der beiden Friedhöfe 1901 beendet war. Die lutherische Gemeinde übernahm nun die Verwaltung beider Friedhofsteile. Seit 1908 ist das Gemeindebüro der Erlöserkirche dafür zuständig. Bei der Bevölkerung wirkte die einstige Trennung jedoch noch lange nach. Pfarrer Ohly beobachtete 1934 „noch gewisse Reste einer reformierten Gesinnung“ in seiner Gemeinde, und sogar um 1980 galt die einstige rein lutherische Seite bei der älteren Generation als "die einzig richtige".



Rückblick in die frühe Geschichte

An der Stelle des heutigen Friedhofs oder in seiner unmittelbaren Nähe befand sich bereits 1455 der "Unterkirchhof", der seinen Namen vom benachbarten Untertor ableitete. Durch Quellen gesichert ist die Einweihung des Friedhofs an der heutigen Stelle im Jahr 1695, veranlasst durch Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg, der nicht nur die Burg mit der dortigen Kirche abreißen ließ, sondern auch die bisherige Begräbnisstätte seiner 1200 Untertanen beseitigte. Gleichzeitig mit der Anlage am Untertor stellte er für die Bürger reformierten Glaubens dort ein Gelände in Richtung Engelsgasse zur Verfügung, das von diesen allerdings erst 50 Jahre später angenommen wurde, denn an der Obergasse befand sich ein reformierter Friedhof.

Das erste Totenhaus von 1714 auf der lutherischen Seite wurde 1842 durch ein größeres ersetzt, wobei sich Abriss und Neubau auf 845 Gulden beliefen. Bauherr war aber nicht die Kirchengemeinde, sondern die Stadt Homburg. Dieser Bau war nötig geworden, da der Friedhof eine erweiterte Funktion erhielt. Er nahm jetzt nicht nur evangelisch-lutherische Verstorbene auf, sondern Tote aller christlichen Konfessionen. Während der Anteil von Katholiken unter der Bevölkerung gering war (sie hatten keinen eigenen Kirchhof), trat mit der Entdeckung von zwei Heilquellen und der Eröffnung der Spielbank eine zahlenmäßig größere Gruppe in Erscheinung: die Kurfremden. Zu ihnen gehörten Russisch-Orthodoxe und Angehörige der britischen Anglikanischen High Church. Diese Öffnung des Friedhofs war damals selten, aber im Interesse des Kurwesens. Bereits 1842 zählte man hier 2 000 Kurgäste, 10 Jahre danach waren es 7 000. Oft war es nicht möglich, am Ort Verstorbene in ihre Heimat zu überführen, daher wurden sie auf diesem Friedhof beerdigt. Die Stadtverwaltung zahlte der Kirchengemeinde für jede dieser Beerdigungen einen bestimmten Betrag, beteiligte sich an den Unterhaltungskosten des Leichenhauses und kam 1847 für die notwendig gewordene Erweiterung des Friedhofs durch den Ankauf von Grundstücken auf.

Die Eröffnung des katholischen Friedhofs am Gluckensteinweg von 1857 brachte eine Entlastung für den lutherischen Friedhof. Trotzdem drohte seine Schließung, und die Gräber sollten auf den katholischen und den israelitischen Friedhof verlegt werden. Eine Verlegung oder die totale Schließung zugunsten eines neuen kommunalen Friedhofs war auch später im Gespräch. Oberbürgermeister Konrad Maß plante im Oktober 1905, das hierdurch frei werdende Gelände an der Saalburgstraße in einen Park umzuwandeln.


Das neue Tor

Das bisherige einfache und niedere Eingangstor zum Friedhof konnte 1904 durch ein im barockisierenden Stil von Baumeister Louis Jacobi entworfenes schmiedeeisernes Portal an der Ecke Dietigheimer Straße und Saalburgstraße ersetzt werden (s.o.Titelbild). Es war von einem Nachkommen des Heinrich Hammelmann gestiftet und vom Homburger Kunstschlosser Merle aus der Dorotheenstraße geschaffen. Die Inschrift im oberen Teil lautet: "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben. Dem Andenken meiner Eltern Heinrich und Sophie Hammelmann."

Auffallend sind die beiden steinernen Urnen mit ihrem Sternenkranz auf den Pfeilern aus Buntsandstein. Nach Meinung des Lokalhistorikers Heinrich Jacobi (1866–1946) stammen diese Urnen von den inzwischen entfernten Gräbern der Hofdamen Louise von Stockhausen geb. Ziegler (gestorben 1814) und ihrer Schwester Ernestine von Ziegler (gestorben 1821). Beide waren nacheinander Hofdamen der Landgräfin Caroline im Schloss. Louise von Ziegler gehörte in ihren Jugendjahren dem Umkreis Johann Wolfgang von Goethes an. Dieser „Lila“, wie sie im Freundeskreis hieß, widmete er 1772 das Gedicht "Pilgers Morgenlied".


Doch noch Schließung?

Die Schließung der beiden Friedhofsteile und ihre Umwandlung in einen Park kam später wieder auf. Pfarrer Ohly, seit 1934 an der Erlöserkirche, stellte bald fest, dass die meisten Beerdigungen auf dem seit 1920 bestehenden Waldfriedhof stattfanden. Der Friedhof am Untertor brachte wenige Einnahmen, zugleich aber waren die Unterhaltungskosten sehr hoch. Pfarrer Ohly sah nur die Alternative: entweder die beiden Friedhofsseiten zu schließen, einzuebnen und als Parkanlagen der Stadt zu übergeben oder Grabstätten zu verkaufen. Auf das entsprechende Angebot der Kirchenverwaltung an die Stadt, dieses Geschenk anzunehmen, kam keine Antwort. Es zeigte sich auch Widerstand Bad Homburger Bürger, die Erbrechte und andere Ansprüche hier besaßen. Daraufhin wurde folgende Lösung erarbeitet: Einebnung von Teilen des Friedhofs, neue Parzellierung, Verkauf von Grabstellen, Anlegen neuer Wege, Anpassung der alten Friedhofsordnung an die gegenwärtige Zeit. Diese Änderungen und Verbesserungen geschahen in den Jahren 1937 bis 1939.

Der Kriegsausbruch vom 1. September 1939 brachte einen Teil der geplanten Veränderungen zum Stillstand, denn der Friedhofsgärtner wurde zur Wehrmacht eingezogen, die Bauarbeiten konnten nicht weiter geführt werden, der Gräberverkauf deckte wegen des Währungsverfalls die übrigen Kosten nicht, und Arbeiter waren für Geldentlohnung allein kaum zu bekommen. „So verfielen unsere Friedhöfe im Verlauf des Krieges und der Nachkriegszeit wieder der Verwahrlosung“, klagte der Pfarrer 1945.


Schwierige Nachkriegsjahre

In den Jahren zwischen Kriegsende und der Währungsreform vom 20. Juni 1948 erreichten die Schwierigkeiten ihren Höhepunkt. Dabei schuf die Beschaffung von Särgen ein kaum lösbares Problem. Wie sich Pfarrer Ohly erinnerte, wurde bei einer Bestattung der Tote in einen alten Kleiderschrank gelegt, da ein Sarg absolut nicht aufzutreiben war. In anderen Fällen gab es keine Sargdeckel, so dass der Tote nur mit einem schwarzen Tuch zugedeckt wurde.


Eine neue Kapelle

Nach dem „Totenhaus“ von 1714 und dem Ersatzbau von 1842 war 1883 ein „Leichenhaus“ entstanden, das inzwischen den Ansprüchen der großen Gemeinde nicht mehr entsprach. Am 9. Februar 1960 beschloss daher die Vertretung der Kirchengemeinde der Erlöserkirche, eine neue Friedhofskapelle zu errichten. 116 000 DM standen dafür zur Verfügung. Auf Anfrage von Pfarrer Unger genehmigten die Stadtverordneten Bad Homburgs 1961 einen Zuschuss von 18 000 DM. Doch zwischen März 1960 und November 1961 erhöhten sich die Baukosten um 7%, worauf der Magistrat seinen Beitrag auf 25 000 DM erhöhte. Die von Regierungsbaumeister Franz Hufnagel konzipierte Trauerhalle konnte am 30. Dezember 1962 der Kirchengemeinde übergeben werden. Der Hauptraum fasst 50–60 Sitzplätze; im Aufbewahrungsraum ist Platz für mindestens drei Särge, außerdem gibt es einen Umkleideraum für den Pfarrer, einen Raum für die Träger, getrennte Toiletten für Damen und Herren und einen Geräteraum. Nach vier Jahrzehnten hat die Gemeinde eine umfassende Sanierung der Trauerhalle beschlossen. Im ersten Bauabschnitt mit einem Volumen von rund EUR 125.000 wurden baulich-technischer Mängel behoben. Im zweiten Bauabschnitt, der für 2008-2009 geplant ist, sollen der Abschiedsbereich und das Innere der Trauerhalle durchgreifend renoviert und gestalterisch aufgehellt werden.


Straße oder Gräber?

Die Lage des Friedhofs im Bereich der heutigen Innenstadt bedrohte wiederholt seine Existenz, zumindest aber seine räumliche Ausdehnung. Als die Saalburgstraße 1953 wegen des zunehmenden Verkehrs verbreitert wurde, musste auf der ehemals lutherischen Seite die Friedhofsmauer zurückgesetzt werden, ebenso das Eingangstor mit dem Pfosten aus Sandstein. Weiterhin wurden 37 Grabmale abgenommen und auf neue Fundamente versetzt sowie einige Wege anders geführt. Auf der früheren reformierten Seite war es ebenfalls die Mauer, die im Wege war, wobei 24 Grabmale auf neue Fundamente kamen und die dort an der Innenseite der Mauer angebrachten Gedenktafeln gänzlich verschwanden. Die Stadt bezahlte für alle diese Maßnahmen 38 560 DM.

Im Januar 1962 erfuhr die Stadtverordnete der CDU-Fraktion, Frau Else Stephan, von der geplanten veränderten Verkehrsführung der Dietigheimer Straße durch die Stadt, was tiefe Eingriffe in die Substanz beider Friedhofteile bedeutet hätte. Es sollte nicht nur die Einfriedung durchbrochen werden, auch sechs Gräberreihen an der Mauerseite würden damit geopfert. Auf den Vorschlag des neu im Amt befindlichen Stadtoberhauptes Dr. Armin Klein, Frau Stephan möge einen Gegenvorschlag machen, antwortete die couragierte Frau:

"Nicht ich müsste einen neuen Vorschlag machen, sondern Sie müssten dem Büro die Auflage machen, die Straße so zu richten, dass der alte Friedhof unberührt bleibt. Hier liegen die Familien, die Homburg gegründet, gestaltet und bewahrt haben, die sich auf Treu und Glauben im Gelände ihrer evangelischen Gemeinde haben betten lassen. Bitte, lassen Sie es erst gar nicht so weit kommen, dass sich ein Sturm der Entrüstung erheben muss!"

Die geänderte Verkehrsplanung sah daraufhin vor, den ehemals lutherischen Teil nicht anzutasten und vom reformierten nur wenig zu beanspruchen.


Die „Bild-Zeitung“ berichtete

Die Vernachlässigung der linken Friedhofsseite wurde im Laufe der Jahre so auffällig, dass 1986 sogar die "Bild-Zeitung" aufmerksam gemacht wurde. In ihrer Ausgabe vom 11. Juli 1986 berichtete sie in Wort und Bild darüber. Bei der Ortsbesichtigung vom 12. August gestand der Kirchenvorstand mit seinem Vorsitzenden Pfarrer Karl Reinhold eine Reihe von Mängeln ein. Dieser Friedhofsteil war zum Abladeplatz für den Erdaushub der Gräber beider Friedhofsseiten geworden. Zur Bewegung der Container aber musste man schwere Baufahrzeuge einsetzen, die natürlich ihre Spuren hinterließen.


In der Gegenwart

Die langsame, aber stete Verbesserung der Situation führte zur vorbehaltlosen Annahme dieses Teils durch die Gemeindemitglieder. Es wäre sonst nicht möglich gewesen, hier eine Stelle für anonyme Grabstätten auszuweisen. Nahe der Abgrenzung zum Hindenburgring steht ein Naturstein inmitten einer Rasenfläche, zu dem ein schmaler Weg führt. Hier können die Hinterbliebenen Blumen, Gestecke und Kerzen aufstellen zum Gedenken aller hier Beigesetzten.

Der Friedhof am Untertor, als Ganzes betrachtet, zählt heute ca. 3 440 Grabstätten. Dem allgemeinen Trend folgend, wird der Wunsch nach Urnengräbern immer stärker, so dass das Verhältnis zu Erdgräbern 50:50 beträgt. Obwohl eine Gräberordnung Einfluss auf die Art und Weise der Gräber nehmen will, wird dieser Komplex hier sehr liberal gehandhabt.

Gerta Walsh

Benutzte Quellen:
Stadtarchiv Bad Homburg: StA 67 3103, 67 3305-06, 67 3304-4000.
Kirchhofsbücher des lutherischen und reformierten Friedhofs, diverse Jahrgänge ab 1860.
Chronik der evangelischen Kirchengemeinde Bad Homburg (Erlöserkirche); hier: Ausführungen von Pfarrer Ohly.
Akte 591-4, Urkunden von 1859, Erbbegräbnisse (Gemeindebüro Erlöserkirche).

Literatur:
Heinrich Jacobi, Zur Geschichte der Homburger Friedhöfe, in: Taunusbote 25. bis 27.8.1919
Heinrich Hett, Zur Geschichte der Bad Homburger Friedhöfe, in: Taunusbote 18. und 19.11.1953.
Eva Rowedder, Denkmaltopographie der Stadt Bad Homburg v.d.H., hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Stuttgart: Theiss, 2001, S. 343-345.

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